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Nichts für Ordnungsfanatiker: Im «Teufelskeller» in Baden (AG) herrscht Chaos, und das ist so gewollt.Bilder: Anita Merkt

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Ein mystischer Ort im Mittelland: der «Teufelskeller» in Baden

Früher glaubten die Menschen von Baden (AG), dass im Teufelskeller Geister ihr Unwesen treiben. Noch heute ist das zerklüftete Schutzgebiet ein verwunschener Ort; zwar ohne Gespenster, aber mit seltenen Pflanzen und bar jeglichen menschlichen Eingriffs.

Anita Merkt* | Der Teufelskeller in Baden (AG) ist ein Waldstück mit einer besonderen Magie. Über Jahrhunderte galt der Wald mit seiner bizarren Geologie als Heimstatt von Geistern. Eine Sage erzählt, dass eine neugierige Königstochter, die sich des Nachts in die Tiefen des verwunschenen Waldes wagte, zu einem versteinerten Baum erstarrte. Dass der Teufelskeller seine Mystik bewahrt hat, ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass das Herzstück des 70 Hektar grossen Waldes schon 1987 unter Schutz gestellt wurde. Seitdem nehmen die Förster und Waldarbeiter der Ortsbürgergemeinde Baden im Naturwaldreservat keine Eingriffe mehr vor.

Unordnung – oder einfach Natur

Umgefallene Bäume liegen und hängen kreuz und quer über dem Boden, werden von Moos überwuchert und von Bakterien, Pilzen und Insekten zersetzt. Auch hundertjährige Baumriesen liegen ganz oder in Stücke zerbrochen auf dem Waldboden und bieten sich als Sitzbank zum Verweilen an. Morsche Bäume werden von Spechten bearbeitet. Höhlenbrüter und Siebenschläfer nutzen ihre Höhlen als Wohnraum und Kinderstube. «Der Teufelskeller bietet Insekten, Vögeln, Nagern und ihren Beutegreifern ein reichhaltiges Buffet», sagt der Badener Stadtoberförster Georg von Graefe.

Die noch vitalen und bisweilen über 200 Jahre alten Baumriesen gehören mit ihren 40 bis 50 Metern Höhe zu den höchsten Bäumen der Schweiz. Ihre sterbenden oder toten Genossen verbinden sich mit den verstreuten Nagelfluhskulpturen und der übrigen Vegetation zu fesselnden Gesamtkunstwerken. Das Auge des Betrachters findet überall neue Details, an denen der Blick hängen bleibt. Hier könnte man stundenlang sitzen, schauen, lauschen und die Welt vergessen.

Nacheiszeitliche Zeugen

Entstanden ist das zerklüftete Waldgebiet durch eine Felssackung nach der Eiszeit vor 100 000 Jahren. Nach dem Rückzug der Gletscher rutschten die nagelfluh­artig verkitteten Deckenschotter auf dem feuchten Mergeluntergrund langsam zum Limmattal hinunter. Dabei blieben stabilere Teile der Nagelfluh als Türme stehen oder rollten als Brocken zu Tal. Entstanden sind senkrechte Hänge, zerklüftete Abgründe, Felsenkessel und Höhlen. Ein Ziel der Unterschutzstellung sei auch «die Erhaltung und Sichtbarmachung der einzigartigen und eindrücklichen geologischen Landschaft in einer urtümlichen Form», heisst es auf der Website der Stadt Baden. Durch die spezielle Morphologie sind im Teufelskeller «auf kleinem Raum sehr unterschiedliche Lebensräume entstanden: Auf den Nagelfluh­kegeln gibt es sehr trockene und warme Standorte, in den Senken ist es feucht und kühl», erklärt Georg von Graefe.

Auf engstem Raum finden sich heute im Reservatsgebiet zwölf verschiedene Waldgesellschaften mit ihren typischen Pflanzen­arten. An einer Stelle oberhalb der Senken finden sich beispielsweise kniehohe Erika. «Diese Tundragewächse stammen noch aus der Eiszeit», erklärt Georg von Graefe. «Sie gedeihen sowohl bei arktischer Kälte als auch bei hohen Temperaturen.» Wenn die Blüten der Zwergsträucher ihre rosa und lila Farbenpracht entfalten, bietet das einen wunderbaren Anblick. In den feuchten und kühlen Senken darunter wachsen seltene Farne wie die Hirschzunge und der
Gelappte Schildfarn. Auch geschützte Schönheiten wie der Türkenbund sind im Teufelskeller anzutreffen.

Das Schutzgebiet wird jedoch nicht nur sich selbst überlassen, um seltene Pflanzen und die Magie des Waldes zu erhalten. Es dient auch als lebendiges Labor, in dem sich zeigt, was passiert, wenn natürliche Prozesse ungestört ablaufen können. So lässt sich auf einer Sturmfläche, die 1999 vom Orkan Lothar verwüstet wurde, beobachten, wie der Wald sich auf natürliche Weise regeneriert. Auf dieser Fläche stehen heute dünne Buchen, Ahorne und Fichten dicht an dicht. Am ältesten und dicksten sind die Birken. «Diese Pionierart besiedelt kahle Flächen als Erstes», erklärt Georg von Graefe. «Erst nach und nach kamen dann die anderen Baumarten hinzu.» So dicht wie die Bäume jetzt schon nebeneinanderstehen, wird sich ihre Zahl zwangsläufig reduzieren. Wie sich der Wald durch natürliche Auslese weiterentwickelt, wird spannend zu beobachten sein.

Veränderungen erst nach Jahrzehnten

Im seit 1987 geschützten Teil des Teufelskellers zeigten sich die wirklich interessanten Veränderungen erst jetzt nach 40 Jahren, stellt Georg von Graefe fest. So erreichen alte Bäume ihr natürliches Lebensende, brechen zusammen und schaffen so Lichtkegel für eine neue Baumgeneration.

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