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Prozesskette forstliches Vermehrungsgut: von der Planung von Pflanzungen über Samenernte und -lagerung bis zur Nachzucht.Bild: Andreas Rudow

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Zunehmende Bedeutung von forstlichem Vermehrungsgut

Artenvielfalt und genetische Vielfalt der Waldbäume in der Schweiz erhöhen die Anpassungs­fähigkeit und damit die Stabilität und Resilienz der einzelnen Arten und des gesamten Waldökosystems. Dabei spielt das forstliche Vermehrungsgut eine wichtige Rolle.

Andreas Rudow, Julian Muhmenthaler, Amira Tiefenbacher* | Die Bedeutung des forstlichen Vermehrungsguts für die Waldbewirtschaftung hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Im 19. Jahrhundert ermöglichte die Bereitstellung grosser Mengen an Pflanzmaterial die grossflächige Wiederaufforstung heutiger Waldgebiete. Der Fokus lag dabei auf künstlicher Verjüngung, insbesondere mit Fichten. Die Menge an gepflanzten Bäumen pro Jahr lag damals im Milliardenbereich. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts setzte eine Trendwende ein. Die Palette der verwendeten Baumarten wurde erweitert und umfasste nun auch Laubholz-Hauptbaumarten. Ausserdem nahm infolge der zunehmenden Ausrichtung auf Naturverjüngung die Menge des verwendeten Pflanzmaterials kontinuierlich ab [1].

Heute stellt das forstliche Vermehrungsgut eine Ergänzung zur Naturverjüngung dar, und die Nachfrage mit jährlich ein bis zwei Millionen Pflanzen ist vergleichsweise gering. Pflanzungen dienen insbesondere der schnelleren Bestockung an Standorten mit geringer Verjüngungsgunst, zum Beispiel im Schutzwald, oder der Einbringung zusätzlicher Arten, die in der Naturverjüngung fehlen. Künstliche Verjüngung wurde auch schon als Notlösung bei übermässigem Wilddruck angeführt [2].

Im Rahmen des Forschungsprogramms Wald und Klimawandel wurde die Diskus­sion darüber lanciert, wie die Versorgung mit forstlichem Vermehrungsgut sichergestellt werden kann [3]. Aufbauend darauf und in Zusammenhang mit einer Stärkung des Dossiers im Bundesamt für Umwelt (BAFU) erarbeitete das BAFU gemeinsam mit den Kantonen und Akteuren aus den Bereichen Forschung, Aus- und Weiterbildung sowie Forstbaumschulen das Konzept zum Umgang mit forstlichem Vermehrungsgut in der Schweiz [4]. Darin wurden die wichtigsten Handlungsfelder und notwendigen Massnahmen entwickelt. Die Umsetzung des Konzepts hat im Sommer 2023 begonnen.

Bedeutung für Anpassung an Klimawandel

Der naturnahe Waldbau im Klimawandel, auch adaptiver Waldbau genannt, ist geprägt von fünf unabhängig von der Betriebsform geltenden waldbaulichen Handlungsprinzipien [5]: Erhöhung der Baumartenvielfalt, Erhöhung der Strukturvielfalt, Erhöhung der genetischen Vielfalt, Erhöhung der Stabilität der Einzelbäume, Reduktion von Umtriebszeit und Zieldurchmesser respektive vorzeitige Verjüngung. Die ersten drei der fünf Handlungsprinzipien beziehen sich massgeblich auf Verjüngungsmassnahmen, die gegebenenfalls durch Pflanzung gestützt werden können. Das erste und das dritte Prinzip stehen im Folgenden im Fokus.

Zur Erhöhung der Baumartenvielfalt mit zukunftsfähigen Arten liefern Entscheidungshilfen, die auf Klimamodellen und der Eignung von Baumarten basieren, generelle Hinweise, zum Beispiel die TreeApp [6]. Ausserdem sind generelle rechtliche Einschränkungen für den Umgang mit gebietsfremden Arten aus Übersee zu berücksichtigen, insbesondere für Arten, die nicht im Anhang 1 der Verordnung über forstliches Vermehrungsgut aufgeführt sind [7]. Aus ökologischer Perspektive gilt ausserdem die Empfehlung, bestehende Baumarten aufgrund von Absterbeereignissen in fortgeschrittenen Entwicklungsstufen nicht vorschnell abzuschreiben. Die Einbringung gebietsfremder Arten ist mit zunehmender Distanz zum Ursprungsort mit erheblichen Risiken für den Erfolg (langfristige Überlebensrate) verbunden [8]. Umfassende ökologische Artinformationen, zum Beispiel Dendrologie-Artenportraits [9], ermöglichen eine Abwägung der Vor- und Nachteile einzelner Arten an bestimmten Standorten. Eine Erhöhung der Baumartenvielfalt muss nicht direkt erreicht werden. Durch Stützpunktpflanzungen können auch Samenbäume für die darauffolgende Baumgeneration etabliert werden. Diese erweitern den waldbaulichen Handlungsspielraum bei zukünftiger natürlicher Verjüngung.

Das Prinzip der Erhöhung der genetischen Vielfalt ist ebenso wichtig wie schwer zu fassen. Grundsätzlich sollten während der gesamten Prozesskette des forstlichen Vermehrungsguts – von der Ausscheidung der Samenerntebestände über die Beerntung und Aufzucht in der Baumschule bis hin zur Pflanzung – Massnahmen vermieden werden, die die genetische Vielfalt unbeabsichtigt verringern. Zurzeit werden dazu Grundlagen wie eine Handlungsanleitung für Samenerntebestände oder der Leitfaden zur künstlichen Verjüngung erarbeitet. So sollten etwa Samenerntebestände ausgeschieden werden, die eine möglichst hohe genetische Vielfalt aufweisen, und alle einheimischen Baumarten sollten in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet durch ausreichend grosse Samenerntebestände oder Samenerntekomplexe abgedeckt sein. Bei der Beerntung ist die Anzahl der Mutterbäume entscheidend. Eine Studie zeigt: Werden innerhalb eines Bestandes 19 Eichen beerntet, werden 75 % der im Bestand vorhandenen genetischen Diversität weitergegeben; werden 43 Eichen beerntet, sind es 90 % [10]. Das aktuelle Projekt «Genetische Diversität einheimischer Baumarten» (TreeGD) wird bis 2030 konkrete Hinweise zur Samenernte für weitere Baumarten liefern.

Umsetzung in der Praxis

Aktuell schreiten Fachpersonen mit konkreten Praxisbeispielen voran: Flora Märki, Betriebsleiterin aus dem Kanton Bern, und Giorgio Renz, Regionalforstingenieur aus dem Kanton Graubünden, planen in ihren Gebieten konkrete Massnahmen an der Schnittstelle zwischen Anpassung des Waldes an den Klimawandel und der Verwendung von forstlichem Vermehrungsgut [11]. Die nachfolgende Übersicht zeigt die Bedeutung des forstlichen Vermehrungsguts in einigen dieser Massnahmen.

Bei drei Massnahmen hat das forstliche Vermehrungsgut eine sehr grosse Bedeutung. Dazu gehört die Erarbeitung eines regionalen Monitoringkonzepts der wichtigsten Samenerntebestände. Hier ist eine überkantonale Herangehensweise in Zusammenarbeit mit den kantonalen Ansprechpersonen für forstliches Vermehrungsgut und mit der neuen Koordinationsstelle Forstliches Vermehrungsgut empfehlenswert. Von besonderer Bedeutung sind auch Massnahmen zur unterstützenden Pflanzung oder Einbringung klimafitter und standortgerechter Baumarten. Auch hierfür ist eine Koordination der Akteure innerhalb einer Region – die gegebenenfalls auch über den Kanton hinausgehen kann – Voraussetzung für stabile, vernetzte und anpassungsfähige Populationen.

Dabei gilt die grobe Faustregel, dass eine Population letztlich mehr als 500 Individuen umfassen sollte. Dies kann durch Stützpunktpflanzungen im Abstand von weniger als drei Kilometern erreicht werden. Regionale Pflanzkonzepte haben den zusätzlichen Vorteil, dass der Bedarf an forstlichem Vermehrungsgut langfristig geplant werden kann, wodurch sich die Forstbaumschulen Planungssicherheit verschaffen. Regionale Kampagnen zur Koordination der Nachfrage können über mehrere Nachzuchtzyklen verteilt werden (verschiedene Samenernten und Samenerntebestände).

Neue Koordinationsstelle geschaffen

Die Herausforderungen, die der prognostizierte Klimawandel für die Waldbranche mit sich bringt, sind gross. In einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung spielt das forstliche Vermehrungsgut eine zentrale Rolle. Umso wichtiger wird die Zusammenarbeit aller Akteure. Die neu geschaffene Koordinationsstelle Forstliches Vermehrungsgut fördert genau diesen Austausch und die Zusammenarbeit. Dabei richtet sie sich nach dem Konzept zum Umgang mit forstlichem Vermehrungsgut in der Schweiz [4].

Im ersten Jahr unterstützt die Fachstelle das BAFU bei der Massnahme «Erarbeitung einer Handlungsanleitung für Samenerntebestände». Dazu bringen Fachleute des BAFU, der Forschung, der Aus- und Weiterbildung, der Kantone und der Forstbaumschulen ihr Wissen ein. Die Anleitung wird klären, worauf bei der Ausscheidung neuer oder der Aktualisierung bestehender Samenerntebestände zu achten ist. Diskutiert wird beispielsweise, künftig grössere und individuenreichere Bestände, sogenannte Samenerntekomplexe, zu fördern. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Organisation der Samenernte. Eine erste Version der Handlungsanleitung wird voraussichtlich Ende des Jahres erscheinen und danach laufend weiterentwickelt.

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